Der Herbst des Lebens
Jeden Samstagnachmittag besuchte Pia ihre Oma im Pflegeheim. Ihre Oma war immer noch eine rüstige alte Dame, doch nach dem Tod ihres Mannes fühlte sie sich zunehmend einsamer und auch der Haushalt machte ihr immer mehr zu schaffen. So entschied sie sich, gemeinsam mit ihrer Enkeltochter, dazu, in ein Altenheim zu ziehen. Für Pias Oma war die Entscheidung nicht einfach, doch sie lebte sich bald im Altenheim ein und fand eine Gruppe Frauen, bei denen sie sich wohlfühlte und immer mal wieder einen Spielenachmittag veranstaltete. Zudem besuchte sie ihre Enkeltochter ja jeden Samstagnachmittag. Diese Nachmittage schätzte Pias Oma sehr. Pia brachte immer zwei Stück Kuchen mit. Die assen sie dann, tranken Tee dazu und plauderten über die vergangene Woche.
An einem Samstagnachmittag Ende Oktober, besuchte Pia ihre Oma, wie jeden Samstag. Aber an diesem Samstag war Pias Oma anders als sonst. Schon als Pia zur Tür herein kam, merkte sie, dass ihre Oma viel nachdenklicher war als sonst.
Das Zimmer ihrer Oma war klein aber gemütlich. Es hatte, direkt nach der Zimmertüre eine kleine Kochnische mit einigen Schränken, einem Spülbecken, einem Kochherd und einem kleinen Kühlschrank. Hinter der Wand der Kochnische stand ihr Bett, gegenüber eine Kommode mit einem Spitzendeckchen und vielen Fotos darauf und direkt am Fenster ein runder Tisch mit einem wunderschönen Blumenbouquet darauf und drei Stühlen ringsum. Zudem gab es einen kleinen Balkon, den Pias Oma gerne benutzte.
Pias Oma sass am Tisch und stand auf, als sie sie hereinkommen hörte. Pia begrüsste ihre Oma: «Hallo Omi», dazu umarmte sie sie herzlich. Ihre Oma erwiderte die Umarmung, begrüsste ihre Enkeltochter und setzte sich wieder hin. Anschliessend stellte Pia die Schachtel mit den beiden Kuchenstücken auf den runden Tisch, holte zwei Teller und zwei Gabeln aus dem Schrank und begann Teewasser aufzusetzen. Dabei erzählte sie ihrer Oma von ihrer Arbeit im Kindergarten. Ihre Oma hörte ihr still zu.
Während Pia die beiden Aprikosenquarktortenstücke auf die Teller verteilte, fragte Pia ihre Oma: «Du bist so still heute. Ist etwas passiert?»
Ihre Oma antwortete: «Nein, nein, alles ist wie immer… doch in der letzten Zeit habe ich viel nachgedacht.»
Das Wasser kochte und Pia goss es in die zwei Tassen, die sie zuvor bereitgestellt hatte. Sie tunkte je ein Beutel Früchtetee in die Tassen, kehrte mit ihnen zurück zum Tisch und setzte sich.
«Der Kuchen ist gut!», meinte ihre Oma zufrieden.
«Du hast also schon genascht», lachte Pia und sah ihre Oma liebevoll an.
«Ach weisst du Pia, ab einem gewissen Alter brauchst du dich nicht mehr an gewisse gesellschaftliche Regeln zu halten.», meinte ihre Oma mit einem Augenzwinkern.
Pia setzte sich und probierte den Kuchen ebenfalls: «Mmh, der ist wirklich lecker!»
«Sag ich ja.», erwiderte ihre Oma lächelnd.
Nachdem Pia zwei Bissen gegessen und einen Schluck vom Früchtetee getrunken hatte, fragte sie ihre Oma: «Worüber hast du denn in der letzten Zeit nachgedacht?»
Ihre Oma schwieg eine Weile und schien tief in ihre Gedanken versunken zu sein. Dann begann sie zu sprechen: «In der letzten Zeit wurde mir immer mehr bewusst, wie kurz das Leben eigentlich ist und wie wenig Zeit uns zur Verfügung steht, um unser Leben zu leben. Ich habe mein Leben gelebt und nie wirklich darüber nachgedacht, was ich in meinem Leben erleben möchte. Zu meiner Zeit hatten die Menschen auch nicht wirklich Zeit zum Nachdenken. Die Felder mussten bestellt und die Tiere versorgt werden und auch ums Haus herum gab es immer viel zu tun und dann kamen die Kinder und beanspruchten einen ebenfalls. Versteh mich nicht falsch, ich habe mein Leben gerne gelebt und viele Dinge, besonders die Kinder und danach die Enkelkinder, sehr genossen und geniesse sie immer noch. Doch es gab auch einige Dinge im Leben, die ich gerne getan hätte und nie dazu gekommen bin – oder besser gesagt, mir nie die Zeit dafür genommen habe. Nun, im Herbst meines Lebens, beginne ich darüber nachzudenken und merke, dass es für viele Dinge einfach zu spät ist. Ich habe meinen Frieden damit geschlossen und akzeptiere, dass ich manche Dinge nun nicht mehr erleben kann, doch ich möchte dir eine wichtige Botschaft mit auf deinen restlichen Lebensweg geben.»
Ihre Oma machte eine Pause um einige Schluck Tee zu trinken. Pia hörte ihrer Oma so fasziniert zu, dass sie sogar vergass den Kuchen weiter zu essen. Nun wurde es ihr bewusst und sie nahm einen weiteren Bissen vom Kuchen und einen Schluck Tee dazu, als ihre Oma weitersprach: «In jedem Jahr kommt einmal der Herbst. Die meisten Menschen verbringen ihn damit, dem Sommer nachzuweinen, weil es nun wieder kälter und abends früher dunkel wird. Doch ich möchte dir ans Herz legen, verbringe ihn damit, das ganze bisherige Jahr zu reflektieren. Darüber nachzudenken, was gut gelaufen ist und was du im nächsten Jahr anders machen möchtest. Frage dich, was du im kommenden Jahr erleben möchtest, was du generell gern erleben möchtest. Schreib es dir auf, notier dir deine Gedanken, damit du sie nicht vergisst und überdenke sie im nächsten Herbst wieder und ändere sie, falls sie nicht mehr passend sind. Nutze anschliessend den Winter dazu, um zu ruhen, die Dinge zu planen, die du im kommenden Jahr erleben möchtest – oder nutze den Winter um Dinge zu erleben, die man eben nur im Winter erleben kann», ihre Oma lachte kurz auf und fuhr fort: «So hast du jedes Jahr die Chance, dein Leben neu auszurichten und die Dinge zu tun, die du wirklich tun möchtest und so rennst du nicht nur blind der gesellschaftlichen Norm hinterher, sondern lebst dein Leben.»
Pia war sprachlos und sah ihre Oma mit offenem Mund an.
«Schliess doch bitte den Mund, Liebes.», meinte ihre Oma darauf mit ruhiger Stimme.
Pia realisierte es und schloss den Mund. Öffnete ihn aber gleich wieder um ihrer Oma zu sagen: «Darüber habe ich in meinen 32 Jahren tatsächlich noch nie nachgedacht. Auch ich gehöre zu den Menschen, die dem Sommer nachtrauern und danach einfach warten, bis der nächste Sommer kommt.»
Pias Oma nickte und antwortete: «Nun hast du die Möglichkeit es zu ändern. Der nächste Sommer kommt bestimmt, doch es ist schade, diese Zeit bis dahin einfach verstreichen zu lassen. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Anzahl an Sommern zur Verfügung, um diese zu erleben, vergiss das nie. Denn viele Menschen leben ihr Leben so, als hätten sie ewig Zeit… bis es dann irgendwann zu spät ist.»
Pia nickte stumm.
Sie assen den Kuchen fertig und tranken den Tee aus. Ihre Oma hatte Pia zum Nachdenken gebracht, was sie sehr freute. Möge wenigstens Pia die Herzensdinge erleben, für die sie sich selber nie wirklich die Zeit genommen hatte, weil sie dafür ja irgendwann noch Zeit haben würde…
«Es ist bereits halb fünf, ich denke du solltest dich langsam auf den Heimweg machen.», holte sie Pia aus ihren Gedanken.
Pia sah auf die Uhr: «Oh! Schon so spät. Ja, ich sollte mich wohl langsam auf den Weg machen.»
Sie räumte die leeren Teller und Tassen ab, nahm die Gabeln und spülte alles im Spülbecken. Ihre Oma beobachtete Pia dabei und erkannte in Pias Gesicht, dass sie wohl über einiges nachdachte. Danach verabschiedete sich Pia herzlich und innig von ihrer Oma und ging zur Tür. Beim Hinausgehen drehte sich Pia nochmals um und lächelte ihre Oma an. Ihre Oma lächelte voller Wärme und Liebe zurück und Pia hatte ein eigenartiges Gefühl dabei. Sie winkte ihrer Oma zu und verliess das Zimmer.
Eine Woche später, als Pia das Pflegeheim betrat, eilte ihr eine Pflegerin entgegen um ihr mitzuteilen, dass ihre Oma, wohl in den frühen Morgenstunden, friedlich und mit einem Lächeln auf den Lippen für immer eingeschlafen war.
Nun wusste Pia, was dieses Gefühl von letzter Woche zu bedeuten hatte. Irgendwie hatte ihre Oma wohl gespürt, dass es ihre letzte Gelegenheit war, Pia ihre Gedanken zu erzählen und sie nahm sich fest vor, die Ermutigung ihrer Oma umzusetzen.